Ein Impuls zu Menschenwürde, Verantwortung und Hoffnung in einer polarisierten Gesellschaft

Die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel und die Menschen, die in ihren Einrichtungen arbeiten, stehen in einer langen Tradition: Menschen in den Nöten ihrer Zeit nicht auszuweichen, sondern ihnen im Vertrauen auf Gott zu begegnen.
Julie Postel gründete ihre Gemeinschaft in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, Armut und Unsicherheit. Ihr Weg war nicht Rückzug und nicht die Suche nach einfachen Antworten. Sie setzte auf Erziehung, Bildung, Barmherzigkeit und konkrete Hilfe. Eine wahre Schwester von der Barmherzigkeit, so ihre Weisung, erkennt man an „Geradheit des Herzens“: an Offenheit, Einfachheit, Armut und Demut.
Unsere Leitlinien greifen diesen Auftrag auf: „Im Vertrauen auf Gott wollen wir gemäß dem Auftrag des Evangeliums flexibel auf die Nöte der jeweiligen Zeit reagieren.“ Das bedeutet: Wir können uns den Konflikten, Ängsten und Veränderungen der Gegenwart nicht entziehen. Unsere Aufgabe ist es, Orientierung zu geben, Schutz zu ermöglichen, Bildung zu fördern, Gemeinschaft zu stiften und Hoffnung praktisch werden zu lassen.
Papst Leo XIV. beschreibt die Gegenwart mit einem eindrücklichen Bild: Die Menschheit steht vor der Wahl, entweder einen neuen Turm zu Babel zu errichten oder eine Stadt zu bauen, in der Gott und Menschen miteinander wohnen.
Babel steht nicht gegen Bildung, Fortschritt, Wirtschaft oder Technik. Auch künstliche Intelligenz, Daten und digitale Kommunikation können dem Menschen dienen. Babel entsteht aber dort, wo der Mensch sich selbst absolut setzt: wo Macht, Geld, Effizienz oder Daten darüber entscheiden, wer zählt, wer gehört wird und wer zurückbleibt; wo Menschen durch Kontrolle, Abschottung und Abwertung anderer Sicherheit gewinnen wollen.
Die andere Stadt entsteht, wenn Menschen ihre Begrenztheit anerkennen und Verantwortung füreinander übernehmen. Das Bild erinnert an Jerusalem nach dem babylonischen Exil: Eine verletzte Gemeinschaft findet wieder zusammen. Mit Gebet, kluger Planung, Ausdauer und gemeinsamer Arbeit entsteht ein Raum, in dem Menschen leben, glauben und Zukunft gewinnen können.
Dies entspricht unmittelbar unserem SMMP-Auftrag. Unsere Einrichtungen sollen Lebens- und Lernorte des Glaubens sein – Orte der Offenheit, Ehrlichkeit, Solidarität und Gastfreundschaft. Wir bejahen das Leben in allen Dimensionen und setzen uns besonders für Kinder und Jugendliche, Kranke und Alte, Schwache und an den Rand Gedrängte ein. Gerade daran entscheidet sich, ob unsere Gemeinschaft menschlich bleibt.
Die jüngsten Wahlen in Ostdeutschland machen deutlich, wie dringlich diese Aufgabe ist. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft wird, darf das weder verharmlost noch mit moralischer Überlegenheit beantwortet werden. Hinter solchen Ergebnissen stehen bei vielen Menschen Erfahrungen von nicht gesehen werden, Sorgen um Sicherheit und Zukunft, Enttäuschung über Politik sowie die Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit.
Diese Sorgen verdienen Aufmerksamkeit. Wir müssen zuhören, präsent bleiben und konkrete Antworten ermöglichen. Aber Zuhören bedeutet nicht, jede politische Antwort zu übernehmen. Unsere Leitlinien achten andere Meinungen und Weltanschauungen, soweit sie der Menschenwürde nicht widersprechen, suchen den Dialog und distanzieren sich zugleich ausdrücklich von radikalen Kräften in unserer Gesellschaft.
Wo Menschen nach Herkunft, Religion, Krankheit, Behinderung oder sozialem Status abgewertet werden, widerspricht das unserem christlichen Gottes- und Menschenbild. Wo Angst vor dem Fremden zur politischen Methode wird, Minderheiten zu Sündenböcken gemacht werden und Abschottung als einfache Lösung erscheint, wächst die Versuchung eines neuen Babel: Sicherheit durch Ausschluss, Identität durch Abwertung und Einheit durch Gleichförmigkeit.
Unsere Aufgabe ist daher weder Rückzug noch parteipolitische Belehrung. Sie besteht darin, unseren Auftrag glaubwürdig zu leben: durch gute Bildung, professionelle Begleitung und Pflege, soziale Unterstützung, transparente Entscheidungen, wirtschaftliche Verantwortung und gastfreundliche Orte der Begegnung. Gerade in einer polarisierten Gesellschaft ist dies ein Dienst an der Demokratie, an der Würde des Menschen und am Frieden.
Christliche Hoffnung redet die Wirklichkeit nicht schön. Sie nimmt Konflikte, Ängste und Spaltung ernst. Aber sie glaubt nicht, dass Angst, Hass und Macht das letzte Wort haben. Geschichte ist offen. Sie kann sich zum Besseren wenden, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und solidarisch zusammenwirken.
Scheuen wir uns deshalb nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen, also gemeinsam an einer Gesellschaft zu bauen, die von Offenheit, Solidarität, Gastfreundschaft und Verantwortung geprägt ist und Ausgrenzung sowie menschenverachtenden Handlungen widerspricht.
Bauen wir nicht am Turm der Selbstbehauptung. Bauen wir an einer Stadt, in der Gott und Menschen miteinander wohnen können: an einer Gemeinschaft, in der die Würde jedes Menschen zählt, Verschiedenheit als Gabe verstanden wird, die Schwachen geschützt werden und Hoffnung gelebt und gefeiert wird.
Stefan Burk, Geschäftsführer der SMMP Holding gGmbH


