Was heißt Freiheit, wenn eine Grenze das Land teilt? Schwester Pia Elisabeth hat als junge Ordensfrau in der DDR gelebt und im Eichsfeld Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet. Im Gespräch erinnert sie sich an Freunde, die „schwarz über die grüne Grenze“ gingen, und an ihren ersten Besuch in einer Ausbildungsstätte im Westen – ein Moment, der sie fast zum Weinen brachte, nicht aus Neid, sondern aus Hilflosigkeit. Und doch sagt sie über diese Jahre: „Wir haben eine herrliche Freiheit.“ Warum Kirche und Orden ihr mehr Freiheit gaben als vielen anderen, erzählt sie in der siebten Folge von „Postels Stimmen“.
Schwester Pia Elisabeth erinnert sich an ihr Leben als Ordensfrau in der DDR
Der Rundgang war zu Ende, da kämpfte Schwester Pia Elisabeth mit den Tränen. Zum ersten Mal stand sie in einem großen Ausbildungsbetrieb im Westen, in Xanten. „Da stand mir das Heulen sehr im Gesicht“, erinnert sie sich. „Nicht aus Neid oder so, aber einfach aus Hilflosigkeit.“ Zu Hause in der DDR hieß es, mit wenig oder mit nichts zurechtzukommen. „Und hier ist alles da. Das war einfach ein Schock.“
Im Podcast „Postels Stimmen“ erzählt Schwester Pia Elisabeth von diesen Jahren. Es ist die Geschichte einer Grenze – und die einer Freiheit, die viele hinter dieser Grenze nicht hatten.
Als Kind war die Teilung weit weg
Aufgewachsen ist Schwester Pia Elisabeth im Eichsfeld. Politik interessierte sie lange nicht. „So dumm haben wir dahergelebt, bis wir mitkriegten, es geht nicht so.“ Erst mit 15, 20 Jahren begann sie zu fragen, was die Teilung des Landes für ihr Leben bedeutete. In der Familie gab es keine Westbesuche. „Die waren alle bodenständige Eichsfelder.“
Mit dem Eintritt ins Kloster wurde die Grenze greifbarer. Einige gingen weg, „schwarz über die grüne Grenze“, wie man damals sagte. Wenn die besten Freunde wegblieben, schmerzte das. „Das hat uns dann schon berührt.“
Ausbildung ohne Anerkennung
Die Schwestern bildeten junge Menschen aus dem ganzen Land aus. Wer seine Kinder in eine christliche Ausbildungsstätte schicken wollte, fand sie bei ihnen. Nur: Anerkannt war diese Ausbildung nicht. Den Absolventinnen und Absolventen konnten die Schwestern zunächst nur eine kirchliche Bescheinigung mitgeben – in der Hoffnung, dass sie im Westen oder später einmal zählen würde.
Diese Hoffnung erfüllte sich. Gegen Ende der DDR-Zeit erhielten die Einrichtungen die schulische Anerkennung, und mit ihr konnten die Schwestern auch ihre Absolventinnen und Absolventen anerkennen. Dann kehrte sich die Lage um. „Wir waren nicht anerkannt. Uns gab es nicht. Und plötzlich gab es uns in einer Menge Arbeit.“ Der Staat schickte Erzieherinnen und Erzieher zur Nachschulung. Manche staatlich Ausgebildete wurden erst anerkannt, weil sie von den Schwestern die Papiere bekamen.
Nach der Wende ging es schnell. In weniger als einem Jahr hatten die Einrichtungen die bundesweite staatliche Anerkennung. Es kostete mehrere Fahrten nach Berlin. „Wir waren stolz, dass wir in ganz früher Zeit der Wende die staatliche Anerkennung bundesweit hatten.“
Kirche hielt den Rücken frei
Trotz allem blickt Schwester Pia Elisabeth ohne Bitterkeit zurück. Der kirchliche Dienst, verantwortet von der Caritas und letztlich vom Bistum, gab den Schwestern einen Halt, den andere nicht kannten. „Wir hatten keinen Zwang, sondern, glaube ich, einen Fußboden, auf dem wir stehen.“ Gab es Schwierigkeiten in den Einrichtungen, schaltete sich sofort Erfurt ein. „Und das entlastet natürlich.“
Wer im Staat arbeitete, hatte es schwerer. Ein Fehltritt in der Familie konnte Folgen haben. Die Schwestern schützte die Kirche. „Wir waren echt bevorzugt“, sagt Schwester Pia Elisabeth. Und während andere sich mit ideologischen Zwängen herumschlugen, empfand sie etwas anderes: „Wir haben eine herrliche Freiheit.“
Was bleibt für heute
Was würde sie jungen Menschen mitgeben, die die DDR nur noch aus dem Geschichtsbuch kennen? Schwester Pia Elisabeth überlegt kurz. „Sie sollen sehen, dass Sie eine eigene Standhaftigkeit kriegen und eine eigene Meinung wirklich kriegen.“ Es gehe nicht darum, dort zu leben, wo man besser einkaufen könne, sondern um mehr: „Und dass sie ihre eigene Freiheit sich suchen, und zwar auch die innere Freiheit.“
Ihr eigenes Fazit fällt klar aus. „Unsere Freiheit war größer als die derer, die heute die Arbeit tun.“


