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„Ich brauche Hilfe“

28. Oktober 2014 in Weltweit
Er floh vor den Taliban und einer korrupten Regierung. Hassan lebt mit seiner Frau  zur Zeit im alten Haus Maria. (Foto: SMMP/Beer)
Er floh vor den Taliban und einer korrupten Regierung. Hassan lebt mit seiner Frau zur Zeit im alten Haus Maria.

„Wegen des starken Rückstoßes kann man mit der AK-47 nicht gut zielen“, sagt Hassan Mostagimi (Name geändert). Das M4 der Amerikaner sei besser. In Afghanistan hat der 25-jährige Afghane fünf Jahre lang für die NATO gearbeitet und gekämpft. Jetzt lebt er mit seiner Frau als Flüchtling im alten Haus Maria in Geseke.

Das Seniorenheim ist im Mai in einen Neubau umgezogen. Dass der Altbau überhaupt noch steht, liegt an einem Wasserschaden in dem neuen Haus. Bis der behoben ist, muss die ambulant betreute Seniorenwohngemeinschaft in dem alten Gebäude bleiben. Dann fragte die Stadt, ob das Haus für Asylbewerber zur Verfügung steht. „Da haben wir als christlicher Träger natürlich nicht Nein gesagt“, erklärt Heimleiterin Astrid Marx Vehling. Das Haus sei groß genug, dass darin neben der Wohngemeinschaft noch für Flüchtlinge Platz sei.

Die drei Kinder der Mostagimis leben noch in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen in Griechenland. (Foto: SMMP/Beer)
Die drei Kinder der Mostagimis leben noch in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen in Griechenland.

Ein kleines Zimmer bewohnt Hassan mit seiner Frau im Haus Maria. Besuchern leiht er seine Pantoffeln, wenn sie es betreten wollen. Ein kleines Foto hängt an der Wand. Drei kleine Kinder sind darauf zu sehen. Es sind die Kinder seiner Frau, die er in einem Flüchtlingslager in Griechenland kennen gelernt und geheiratet hat. Irgendwie hat er es geschafft, mit seiner Frau nach Deutschland zu kommen. Die drei Kinder – fünf, sieben und 10 Jahre alt – sind noch in Griechenland. Die Behörden sagen, es dauere acht bis zwölf Monate bis auch sie nach Deutschland kommen könnten. Seine Frau weine sehr oft, sagt Hassan.

Er will die Kinder in Deutschland zur Schule schicken und er will hier arbeiten. Am liebsten für die Bundeswehr, denn er hat Berufserfahrung. In Afghanistan er wollte zur afghanischen Armee und eine Offiziersausbildung machen. Aber dafür wäre ein Bestechungsgeld von 2000 Dollar nötig gewesen. Die Korruption in Afghanistan, sagt Hassan, sei schlimmer als die Taliban. Kein Offizieller, keine Regierungsstelle, die nicht die Hand aufhalte. Und wer seine Arbeit gewissenhaft erledige und gar darauf aufmerksam mache, wenn irgendetwas besser gemacht werden könne, gelte als potenzieller Störenfried. Dann werde auch schon mal ein weiteres Bestechungsgeld nötig, um den Job zu behalten.

Weil aus einer Karriere bei der afghanischen Armee nichts wurde, ging er zur NATO. Fünf Jahre lang hat er für amerikanische und britische Einheiten als Dolmetscher und Vermittler gearbeitet, als Führer für westliche Journalisten, und er hat an der Front gegen Taliban gekämpft. Mit einem amerikanischen Armee-Geistlichen hat Hassan sich angefreundet und mit ihm die Bibel studiert, um, wie er sagt, zu verstehen was los ist. Viele seiner Freunde und Bekannten, die ebenfalls für die westlichen Streitkräfte arbeiteten, wurden getötet.

Die Taliban wollten, dass er die Seite wechselt. Er wollte nicht. Sie schickten ihm mehrere Warnungen; die letzte bestand aus einer Granate in seinem Haus. Er wusste, dass er in Afghanistan nie mehr sicher sein würde. Die Amerikaner sagten ihm, es dauere zwei bis drei Jahre, ihn in die USA zu bringen. Zwei bis drei Jahre hatte Hassan aber nicht mehr. Er musste weg.

Aber warum nach Deutschland? In Afghanistan sei alles deutsch, sagt Hassan. Die Autos, die Energie- und die Wasserversorgung, die Straßen und Brücken. Alles, was funktioniere, sei deutsch. Deshalb machte er Deutschland zu seinem Ziel.

Bei der NATO hatte er genug Geld verdient, um in Afghanistan komfortabel leben zu können. Jetzt brauchte er sein ganzes Vermögen, um das Land zu verlassen.

Er landete in Griechenland, weiter ging es nach München, Bielefeld, Schöppingen. Seit rund zwei Monaten ist er jetzt in Geseke. Er will Deutsch lernen, geht zweimal pro Woche zu einem Sprachkurs. Das sei nicht genug, sagt Hassan. Aber weitere Sprachkurse gibt es nur in anderen Städten, und er hat kein Geld für den Bus und die Kursgebühren.

„In Afghanistan habe ich anderen Menschen geholfen“, sagt er. „Nun brauche ich selbst Hilfe.“

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