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Obdachlos

7. August 2014 in Weltweit

Von Simon von Nathusius

Obdachlose sind in jeder Großstadt präsent. Sie bilden eine eigene Gruppe innerhalb unserer Gesellschaft. Wie leben sie? Und wie kommen sie miteinander zurecht? Damit habe ich mich nicht beschäftigt, bis ich einen ehemaligen Rechtsanwalt in einem Obdachlosentreff kennen lernte.

Im Juli 2014 war ich Praktikant in der Abteilung Unternehmenskommunikation der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel. An einem Tag fuhr ich mit Ulrich Bock, dem Leiter der Abteilung, nach Münster, um Informationen über die Arbeit von Schwester Klara Maria Breuer zu erhalten. Sie arbeitet im „Treffpunkt an der Clemenskirche“. Dort versorgt sie mit weiteren Helfern sozial schwache Menschen mit Frühstück und Mittagessen.

Es war ein Teil unserer Arbeit, einen Besucher dieses Treffpunkts zu interviewen. Am Tag zuvor wurde im Treff gefragt, wer dazu bereit wäre und nur einer hat zugesagt. Mit ihm haben wir geredet.

Er heißt Johann und ist 58 Jahre alt. Graues Haar, Vollbart, kräftig. Er spricht mit niederländischem Akzent. Wir wollen seine Geschichte hören.

Er hat viele Geschichten auf Lager, aber ich fange mit seinem „Lebenslauf“ an. Er ist in Holland geboren. Mehr sagt er zu seiner Kindheit nicht. Sechs Jahre lang arbeitete er als Rechtsanwalt in England. Als seine Eltern bei einem Unfall starben, zog er zurück nach Holland, um die Beerdigung zu planen. Weitere nahe Verwandte hatte er nicht.

In Holland arbeitet er weiter als Rechtsanwalt. Irgendwann wird er krank, mehr sagt er dazu nicht, nur zu den Folgen der Krankheit: Alkoholsucht und Schulden. Er verkauft sein Haus und begleicht die restlichen Schulden, indem er drei Jahre lang mit nur fünfzig Euro im Monat auskommt. Er hat eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und bekommt eine Frührente. Das war vor 15 Jahren.

So lange lebt er schon ohne ein Dach über dem Kopf. Mit dem Fahrrad fährt er durch ganz Europa. Zwei Jahre lang lebt er in Portugal.

Aber wie finanziert er dieses Leben? Zumindest Nahrung und Kleidung braucht er.

Keine Geldprobleme

„Ich nehme mir 10 Euro am Tag von meinem Konto. Damit kann ich leben. Ich habe keine Geldprobleme“, sagt er uns. Und er scheint froh darüber zu sein. Man sollte nur dann etwas kaufen, wenn man das Geld dafür hat, meint er.

Und er hat Geld. Er könnte eine Wohnung mieten. Er könnte sein Leben als Obdachloser jederzeit aufgeben. Aber das will er nicht. „Wenn ich eine Wohnung habe, sitze ich drinnen und vereinsame“, sagt er.

Mit seinem Alkoholismus hat er sich arrangiert. Das meiste seiner täglichen 10 Euro gibt er für Bier oder Wein aus, etwas Stärkeres trinkt er nicht. Durchschnittlich einmal in der Woche hat er einen Filmriss, weil er zu viel getrunken hat.

Für einen Euro erhalten die Besucher des Treffs mittags ein warmes Essen. Foto: SMMP/Bock
Für einen Euro erhalten die Besucher des Treffs mittags ein warmes Essen.

Er lebt seit einigen Monaten in Münster, der Stadt der Fahrräder. Das passt zu ihm, weil er selber mit dem Fahrrad reist. Über den Emsradweg ist er hier her gekommen. Bei einem Sturz verletzt er sich. Durch andere Obdachlose in der Stadt erfährt er von dem Obdachlosentreff, in dem wir uns nun unterhalten. Hier habe man ihn betreut und ihm neue Kleidung gegeben.

Hier fühlt er sich wohl. „In Holland hast du als Obdachloser keinen Wert, da bist du unten durch.“, sagt er uns. „Hier sind die Menschen nett zu dir.“

Besen vom Parkmeister

Johann schläft in einem der Parks in Münster. Er darf das, solange er seinen Platz am nächsten Tag sauber hinterlässt. Dazu hat er einen Besen von dem Parkmeister bekommen. Mit den 10 Euro, die er am Tag hat, kauft er sich morgens zwei Flaschen Bier, damit seine Hände nicht mehr zittern und er klarer denken kann. Danach geht er zum Treffpunkt an der Clemenskirche, wo er Frühstück für fünfzig Cent und Mittagessen für einen Euro bekommt. Wenn er nicht genug Geld hat, arbeitet er im Treffpunkt, um sich das Essen zu verdienen. Wenn andere Menschen im Treffpunkt kein Geld haben, um sich etwas eine Mahlzeit leisten zu können, dann gibt er ihnen Geld, solange er noch etwas hat.

Wandzeitung: Hier erfahren die Besucher des Treffs die wichtigsten Neuigkeiten: zum Beispiel, dass Thomas gestorben ist. Foto: SMMP/Bock
Wandzeitung: Hier erfahren die Besucher des Treffs die wichtigsten Neuigkeiten: zum Beispiel, dass Thomas gestorben ist.

Denn die Obdachlosen und auch andere arme oder kranke Menschen halten zusammen. Es herrscht eine hohe Solidarität unter ihnen. Wenn jemand krank ist, dann kümmert man sich um ihn. Wenn jemand stirbt, wird das allen weitergesagt und ein Gottesdienst wird organisiert. Und auch wenn sich jemand tagelang nicht blicken lässt, machen sich die anderen sorgen und suchen ihn.

Jeder von denen hat seine eigenen Probleme. Aber egal ob es Suchtkranke, psychisch oder physisch eingeschränkte Menschen, Arme oder einsame Menschen sind, sie halten zusammen, um gegenseitig die Not zu lindern.

Dieser Zusammenhalt hat mich überrascht. Johann hat mich überrascht mit seinen Erlebnissen.

An einem Abend im Park traf er einen Patienten aus einem Krankenhaus, der spazieren war. Der Patient war körperlich sehr schwach und ging auf Krücken. Er setzte sich zu Johann auf eine Bank und sie unterhielten sich. Sie kamen gut miteinander aus, tranken.

Kurz vor Mitternacht wollte der Patient zurück in sein Krankenhaus, aber er war zu schwach, um alleine dort hin zu kommen. Also ging Johann in ein anderes, in der Nähe liegendes Krankenhaus, um dort einen Rollstuhl mieten zu können. In holländischen Krankenhäusern kann man das machen, aber in deutschen Krankenhäusern nicht. Darüber war Johann empört, schließlich musste er dem Patienten helfen. Er solle zur Notaufnahme gehen. „Dort sah ich einen Rollstuhl stehen. Ich hab ihn ohne zu fragen genommen und bin wieder zurück gegangen“, erzählt er. Damit hat er den Patienten zurück in sein Krankenhauszimmer gebracht. Dort waren die Verwandten, die sich Sorgen gemacht haben. „Wir haben noch ein bisschen gefeiert“, hatte Johann zu ihnen gesagt. Den Rollstuhl brachte er zurück in das andere Krankenhaus.

Genauso hilfsbereit war er auch, als eine Gruppe Ghanaer im Treffpunkt war. Sie konnten nur sehr schlechtes Englisch sprechen. Deshalb hat er für die Ghanaer und die Mitarbeiter im Treffpunkt gedolmetscht.

Es hat mich erstaunt, wie gut er direkt und verständlich mit uns reden konnte und er sah wie ein sehr glücklicher Mensch aus. Ob er ein typischer oder untypischer Obdachloser ist, kann ich nicht sagen. Jeder dieser Menschen hat seine eigene Geschichte. Und doch teilen sie ein gemeinsames Schicksal.

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