Zeugen auf der Straße

Teich Straße vor unserem Kloster-auf-Zeit-Haus

Samstags ist Straße fegen angesagt. Der Herbst und unsere stark nadelnde Kiefer sorgen dafür. Mehr als eine Stunde brauche ich für den gesamten Gehweg einschließlich der Garagenplätze. Sollte man den Baum nicht fällen, die Büsche durch einen Zaun ersetzen? So viel anderes habe ich zu tun!

Ich stütze mich auf meinen Besen und verschnaufe. Nur nicht zu lange, denn da kommen zwei Damen auf mich zu. Sie grüßen freundlich: Ja, der Herbst … „Sie wohnen hier?“ Ich erkläre kurz: Sr. Laetitia und ich im „Kloster auf Zeit“, da gehörten solche Arbeiten auch dazu. Irgendetwas lässt mich scherzhaft sagen: „Jesus war Zimmermann – und so schwingen wir auch unseren Besen.“ Um dann schnell hinzuzufügen: „Aber wir haben ja auch noch beide unsere Berufe“, denn ich möchte nicht dem Klischee der Betschwester huldigen.

Und schon bin ich – immer noch auf meinen Besen gestützt – im Gespräch: Mein Beruf als Lehrerin für Geschichte, Religion, auch Politik. Wie das denn zusammengehe, Religion und Politik? „Oh, sehr gut, sich engagieren für ein gerechtes Zusammenleben ist doch Teil unseres Glaubens, Teil der Botschaft Jesu, der sich selbst auch dafür eingesetzt hat.“ Da habe ich den Kern getroffen: Lebhafte Zustimmung – die beiden Damen stellen sich als Zeuginnen Jehovas vor. Das sei ja interessant, man käme ja sonst nicht so leicht an Ordensschwestern heran … Und dann eine Frage, die mich nachdenklich macht: Wie ich sie denn sähe? Ich würdige ihre Ernsthaftigkeit im Glauben und ihr großes Engagement, verschweige aber auch nicht meine Skepsis, ob denn die Freiheit eines Menschen immer genügend gewahrt bleibe …

Entschiedenheit und Freiheit – um diese Pole kreist unser Gespräch in den nächsten Minuten, sehr offen, sehr freundlich, keineswegs zudringlich, auch wenn ich auf der Hut bin. Schließlich schlägt eine der beiden die Bibel auf: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ Mt 7,21, die Dame weiß es auswendig.

Wir sind uns einig: Es braucht Entschiedenheit, aber jeder persönlich in Freiheit. Ob sie mir denn eine ihrer Schriften einmal geben dürften? Nun läutet bei mir doch eine leise Alarmglocke, während eine der beiden den „Leuchtturm“ hervorholt. Sie bemerkt meine Abwehr und fügt eilig hinzu: „Nur zum Lesen.“ Da bin ich beruhigt: „Mich können Sie leider nicht für Ihren Weg gewinnen, denn ich habe mich verbindlich entschieden. Aber ich informiere mich gern darüber, wie Sie sich selbst verstehen.“

Freundlicher Abschied. Sie ziehen weiter. Ich kehre weiter. Nachdenklich. Soll man den Baum fällen, die Büsche durch einen Zaun ersetzen?

Sr. Johanna Hentrich

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SMMP