Warum ein weinendes Baby beim Abendbrot manchmal weinen darf
Im Julie-Postel-Haus in Bestwig leben Mütter und Väter mit ihren Kindern – meist nicht freiwillig, oft in einer akuten Krise. Leiterin Carina Schröer erklärt, warum ihr Team ein weinendes Kind häufig nicht selbst beruhigt, was „Entlastung durch Befähigung“ im Alltag bedeutet und wann eine Hilfe für sie gelungen ist. Ein Gespräch über Nähe und Grenzen, über Erfolg, der sich schwer messen lässt – und über einen Satz, der Schröer geblieben ist: „Kinder wollen keine anderen Eltern. Die wollen ihre Eltern anders.“
„Kinder wollen ihre Eltern anders“
Im Julie-Postel-Haus in Bestwig leben Mütter und Väter mit ihren Kindern – meist nicht freiwillig. Carina Schröer über eine Hilfe, die befähigt statt bevormundet.
Beim gemeinsamen Abendbrot wacht ein Baby auf und weint. Maja ist drei Monate alt, ihre Mutter wollte gerade in Ruhe essen. Der erste Impuls bei allen am Tisch: aufstehen, das Kind beruhigen, der Mutter den Abend retten. Im Julie-Postel-Haus geschieht das nicht.
So schildert Carina Schröer, Leiterin des Julie-Postel-Hauses, eine typische Szene aus ihrem Alltag. „Wir tun das nicht […], weil wir die Mama in ihrer Mutterrolle stärken wollen“, sagt sie. Die Mutter soll lernen, die Zeichen ihres Kindes zu erkennen und selbst darauf zu reagieren. Ihr Prinzip fasst Schröer in drei Worten: „Entlastung durch Befähigung“.
Eine Einrichtung für Eltern und Kinder
Das Julie-Postel-Haus in Bestwig ist die einzige Jugendhilfeeinrichtung von SMMP. Ihr Schwerpunkt ist die Elternarbeit. Hier leben Mütter und Väter mit ihren Kindern, bis zu 30 Menschen gleichzeitig. Jede Familie hat eine kleine Wohneinheit mit Elternschlafzimmer, Kinderzimmer und Bad. Dazu kommen Gemeinschaftsküchen und Aufenthaltsräume.
Die meisten Familien kommen über das Jugendamt – oft in einer akuten Krise. „Also die wenigsten schreien Juhu, wenn sie bei uns einziehen“, sagt Schröer. Die Gründe sind unterschiedlich: eine desolate Wohnung, psychische Erkrankungen, manchmal eine Sucht. Akut konsumierende Eltern nimmt das Haus nicht auf. Nach einer Entgiftung oder in der Substitution ist eine Aufnahme möglich.
Manchmal kommt der Anruf direkt aus dem Krankenhaus, wenn eine Mutter entbunden hat und die Versorgung des Kindes unsicher erscheint. Solche frühen Aufnahmen sind Schröer am liebsten, weil sich dann vieles gemeinsam erarbeiten lasse. Nicht jede Anfrage nimmt das Haus an. Eine Familie mit sechs Kindern könne sie räumlich nicht unterbringen. Dann lehnt sie ab. „Auch das hat was mit Qualität zu tun, Hilfen dann abzulehnen.“
Anleiten statt übernehmen
Jede Alltagssituation ist für Schröer eine Lernsituation. Das Team leitet an, fragt nach, coacht. Es übernimmt erst, wenn eine Mutter darum bittet – oder wenn das Wohl des Kindes anders nicht zu sichern ist.
Das Ziel ist, sich selbst überflüssig zu machen. Das größte Kompliment sei deshalb ein scheinbar paradoxer Satz: Eltern, die sagen, „boah, ich habe gar keine Hilfe gekriegt“. Dann, sagt Schröer, habe die Idee von Hilfestellung funktioniert.
Bei den Mahlzeiten sitzen alle Eltern zusammen, ob 15 oder 45 Jahre alt. So sollen sie sich in ihrer Elternrolle wahrgenommen fühlen, nicht über ihr Alter. Ein Gefälle bleibe trotzdem, räumt Schröer ein. Am Ende trägt die Einrichtung die Verantwortung für das Kind.
Was Erfolg bedeutet
„Ich glaube, dass Erfolg relativ ist“, sagt Schröer. Am deutlichsten ist er, wenn Eltern mit ihren Kindern in eine eigene Wohnung ziehen. Doch auch ein anderer Weg kann gelingen: wenn Kinder und Eltern an sicheren Orten leben, manchmal getrennt, während die Eltern eigene Themen bearbeiten – eine Therapie, einen Klinikaufenthalt.
Manchmal entscheidet ein Familiengericht gegen den Willen der Eltern. Auch das kommt vor. Den Weg versucht das Haus immer im Einvernehmen zu gehen.
Eine Dauerlösung will die Einrichtung nicht sein. „Wir sind kein dauerhafter Lebensort“, sagt Schröer. „Wir machen keine Beheimatung, sondern wir sind ein Zwischenstück im Leben, wo bestenfalls ganz viel Entwicklung passiert.“
„Eltern wollen gute Eltern sein“
Von der Gesellschaft wünscht sich Schröer weniger schnelle Urteile. Viele Eltern hätten selbst Gewalt, Missbrauch oder Drogen erlebt. „Keiner steht morgens auf und denkt sich, so, ab heute mache ich mal alles irgendwie ein bisschen schräg.“ Was Eltern oft fehle, seien gute eigene Erfahrungen und ein „Methodenkoffer“. Beides will das Julie-Postel-Haus geben.
Über das Vorurteil, sie könnten urteilen oder bevormunden, sagt Schröer: „Wer wären wir, wenn wir das täten? Also das steht uns überhaupt gar nicht zu.“ Ein Satz einer Referentin ist ihr geblieben: „Kinder wollen keine anderen Eltern. Die wollen ihre Eltern anders.“


