Sie stand auf dem Hülfensberg, mit behördlicher Genehmigung, und blickte hinunter auf einen Acker im Sperrgebiet. Dort fuhr ein Trecker. Schwester Maria Magdalena Brüning wusste: In diesem Trecker zu sitzen hätte bedeutet, nach Bestwig zu kommen. Den Hang hinunterzugehen, um dorthin zu gelangen, kam für sie nicht infrage. „Das hätte ich mit meinem Leben bezahlt“, sagt sie im Podcast „Postels Stimmen“.
Am Abend des 9. November 1989 war Schwester Maria Magdalena mit ihren Mitschwestern in Leinefelde. Als die Nachricht von der offenen Grenze kam, glaubten sie ihr zunächst nicht. Bevor die Schwestern den Fernseher einschalteten, gingen sie in die Kapelle. Was sie dort taten, und warum sie später mit dem Trabi mitten in der Nacht nach Duderstadt aufbrachen, obwohl gerade noch die Küche gewischt werden musste – davon erzählt sie in der neuen Folge.
Schwester Maria Magdalena Brüning lebte als Ordensschwester der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel im Eichsfeld, mitten im DDR-Sperrgebiet. Wer dort einen Jugendabend halten wollte, brauchte eine Genehmigung – beantragt Wochen im Voraus, über den Propst und die Polizei. Im Podcast schildert sie, wie es war, mit dieser Bürokratie zu leben – und wie absurd es sich anfühlte, als plötzlich niemand mehr eine Genehmigung brauchte.
Was die Grenzöffnung für die Ordensgemeinschaft bedeutete, die durch die deutsche Teilung über Jahrzehnte getrennt war. Wie sich West- und Ostschwestern wiederfanden. Und was Schwester Maria Magdalena Brüning heute unter Freiheit versteht – das alles hören Sie in der vollständigen Folge von „Postels Stimmen“.
Den Putzeimer ließen sie stehen
Schwester Maria Magdalena erinnert sich im Podcast „Postels Stimmen“ an den Mauerfall im Eichsfeld
Die Schwestern wischten gerade die Küche. Da kam eine Frau herein, die sie gut kannten. Schwester Maria Magdalena erinnert sich noch genau an ihre Worte: „Seid ihr denn verrückt, die haben die Grenze aufgemacht und ihr wischt jetzt die Küche.“ Der Rest ging schnell. „Dann haben wir den Eimer mitten in der Küche stehen gelassen und sind mit dem Trabi nach Duderstadt gefahren.“
Im Podcast „Postels Stimmen“ spricht Dani Korsch mit Schwester Maria Magdalena Brüning. Die Ordensfrau erzählt, wie sie die Grenzöffnung 1989 erlebt hat. Damals arbeitete sie als Gemeindereferentin in Leinefelde. Ob ihr klar war, dass gerade Geschichte geschrieben wird? „Das war mir, glaube ich, sehr klar, auch wenn es unvorstellbar war, dass diese Geschichte wahr wird, dass die Mauer fällt.“
Erst in die Kapelle
Die Nachricht erreichte sie in einer Kirche in Leinefelde. Mit ihren Mitschwestern war sie dort bei einer der Demonstrationen. Von vorn rief jemand, die Grenze sei ab sofort offen. „Da war die Meldung in Berlin gefallen und die konnten es auch nicht glauben und wir auch nicht.“
Die Schwestern fuhren die acht Kilometer nach Hause nach Wingerode. Dort schlug eine Mitschwester vor, in die Kapelle zu gehen. Die Schwestern fürchteten, in der Nacht könne etwas Schlimmes passieren. Erst nach dem Gebet schalteten sie den Fernseher ein. „Wir müssen jetzt das tun, was unseres ist, nämlich wir bringen es erstmal vor den Herrn, was da gerade gesagt worden ist.“ Dann hörten und sahen sie es selbst: Die Grenze ist auf. „Das war ein starker Moment, da kann ich mich sehr wohl dran erinnern.“
Stau und fröhliche Menschen
Für die Fahrt nach Duderstadt brauchten die Schwestern mindestens drei bis vier Stunden. Sonst dauert sie 20 Minuten. „Und wir haben also Stau noch und noch erlebt und nur fröhliche Menschen.“ Am Straßenrand boten Leute ihnen etwas zu trinken an.
In Duderstadt klopfte jemand auf die Motorhaube des Trabis: „Na, ihr wolltet eure Kolleginnen besuchen?“ Die Schwestern klärten ihn auf. In Duderstadt leben Ursulinen und Vinzentinerinnen, eine andere Gemeinschaft also. Besucht haben sie die Schwestern trotzdem. Danach gingen sie in Duderstadt zur Abendmesse und fuhren spät in der Nacht zurück. Auf dem Heimweg riefen sie sich immer wieder zu: „Wo waren wir jetzt zur Abendmesse? In Duderstadt. Es war so unwirklich und so toll.“
Ohne Schein ins Sperrgebiet
Eine Mauer wie in Berlin gab es im Eichsfeld nicht. Dort lag vor der Grenze das Sperrgebiet. Wer hinein wollte, brauchte eine Genehmigung. Für einen Jugendabend in Berlingerode musste Schwester Maria Magdalena Wochen vorher zum Propst. Er schrieb den Antrag, mit dem sie zur Polizei ging. Der Schein erlaubte ihr den Aufenthalt von 20 bis 22 Uhr, danach musste sie das Gebiet sofort verlassen.
Wenige Tage nach der Grenzöffnung fuhren die Schwestern wieder in Richtung Sperrgebiet. Kurz davor erschraken sie: Sie hatten keinen Schein dabei. „Und dann haben wir herzlich gelacht, weil eben genau das war, dass wir das überhaupt noch nicht verinnerlicht hatten.“
Auch die Kinder in Leinefelde spürten, was geschehen war. Am Tag nach der Öffnung kam ein Junge auf der Straße auf sie zu: „Na Schwester, willst du jetzt auch abhauen?“
Wie ernst die Grenze vorher war, zeigt eine andere Erinnerung. Mit Genehmigung stand Schwester Maria Magdalena einmal auf dem Hülfensberg und sah unten einen Traktor über den Acker fahren. Sie dachte: „Wenn du in dem Traktor, der da fährt, sitzen würdest, könntest du nach Bestwig.“ Sie wusste aber auch: Wer versucht hätte, den Hang hinunter zu diesem Trecker zu gelangen, riskierte sein Leben. „Also mit der Kugel, ne? Das war so unvorstellbar.“
Gebet über die Grenze
Verbunden blieben die Schwestern in Ost und West trotzdem. Schwestern aus dem Westen durften mit Genehmigung ins Eichsfeld kommen. Das bedeutete viel Bürokratie. Manchmal musste dafür eine Verwandtschaft her, und plötzlich war eine Schwester die Cousine einer anderen, die sie gar nicht kannte.
Mit einer Mitschwester in Bestwig ist Schwester Maria Magdalena lange befreundet. Beide verabredeten eine feste Zeit. „Wir haben jede Woche, freitagsabends, haben wir gesagt, um die und die Zeit beten wir miteinander, über die Grenze hinweg. Und das haben wir getan.“
Einmal durfte sie schon vor 1989 in den Westen. Ihre Tante in Wiesbaden wurde 65, und zu solchen Geburtstagen konnte man einen Besuch beantragen. Ihre Geschwister bekamen keine Genehmigung. Die Reise führte über Bebra, wo sie im März über das Blumenangebot staunte. In Kassel stand sie an der Engelsburg, wo sie Schwestern traf, die sie von deren Besuchen kannte. Dann ging es weiter nach Bestwig. Kurz vor dem Ziel stellte sie sich ans Zugfenster, um das Bergkloster zu sehen. Ein Schaffner kannte ihre Herkunft und gab ihr einen Tipp: „Schwester, wenn Sie das Kloster sehen wollen, müssen Sie auf die andere Seite gehen.“ Sie sagt dazu: „Das ist jetzt nicht das Wichtigste von der Welt, aber das war das pure Leben halt.“
Fremd war ihr das Bergkloster Bestwig nicht. Wenn Schwestern aus dem Osten kamen, warteten die Bestwiger Schwestern auf den Stufen vor der Pforte. „Die haben uns dann empfangen, die haben sich gefreut, wir haben uns gefreut.“ Nach der Grenzöffnung konnten die Eichsfelder Schwestern jederzeit nach Bestwig fahren. Bei ihrer Freundin dort stand dann öfter der Kaffeetisch bereit.
Unterschiede, die man spürt
Heute leben Schwestern aus dem Westen im Eichsfeld und Schwestern aus dem Osten im Westen. Solche Versetzungen gab es vorher nicht. Schwester Maria Magdalena glaubt, dass die Eichsfelder Schwestern durch die Abgrenzung fester zusammengehalten und sich ein Stück eigenständig entwickelt haben. Bei Westdeutschen, nicht nur bei Schwestern, bemerkt sie manchmal etwas anderes: „dass die irgendwo auch ein Stück freier sind. Ich kann es nicht beschreiben, aber das merkt man.“ Bewerten will sie das nicht.
Was Freiheit bedeutet
Für eine Ordensfrau beginnt Freiheit bei den Gelübden. „Die Ordensgelübde sind Weg in die Freiheit. Freiheit von, um frei zu sein für.“ Dazu kommt die Erfahrung mit dem Staat. Als Kind habe sie manches mitgemacht, ihre Familie auch. „Da bin ich sehr, sehr dankbar, dass das vorbei ist und das hat mit uns auch was gemacht.“
Heute kann sie sagen, was sie denkt. Früher gab es Geheimworte, die jeder verstand, ohne dass etwas laut ausgesprochen wurde. Und sie kann reisen. Maria Magdalena Postel, die Gründerin der Ordensgemeinschaft, ist ihre Namenspatronin. Frankreich kannte sie nur von Bildern. Später stand sie in Saint-Sauveur-le-Vicomte am Grab der Gründerin und nahm Kieselsteine mit. „Und am Grab der Maria Magdalena zu sein, das war für mich schon was ganz Großartiges.“ Und die Milka-Schokolade? Die aß sie gern. Das Grab war ihr wichtiger.
Was sie jungen Menschen mitgibt
Manchmal hört sie junge Leute schwärmen, wie toll der Sozialismus sei. „Wo ich dann denke, hey, ihr wisst überhaupt nicht, wovon ihr redet.“ Sie erinnert sich an ihre Großmutter, die vom Krieg und von der Vertreibung erzählte und den Enkeln dasselbe entgegenhielt.
Der nächsten Generation möchte sie etwas anderes mitgeben: gut zu leben, vor dem Reden nachzudenken und die Menschenwürde zu wahren, „unbedingt“. „Klar werde ich mit meinem schwarzen Schleier immer sagen, wir haben eine wunderbare Botschaft, nach der es sich zu leben lohnt.“


