Am 10. September trifft sich die Interreligiöse Meditation zum 50. Mal – im Bergkloster Bestwig, wo die Reihe vor zehn Jahren ihren Ausgang nahm. Acht Beteiligte erzählen, was die Abende für sie bedeuten.

„Wenn ich mich ohnmächtig fühle, werde ich entweder resignativ oder kreativ.“ Schwester Maria Ignatia Langela SMMP, Bildungsreferentin im Bergkloster Bestwig, saß vor gut zehn Jahren wieder einmal vor dem Fernseher und sah die Nachrichten von religionsbedingten Kriegen und Gewalttaten. „Habe ich gedacht: Können wir als Ordensfrauen denn nichts anderes tun, als zu beten?“
Sie erinnerte sich an ein Interview mit Pater Sebastian Painadath SJ. Der indische Jesuit meditiert täglich mit Buddhisten, Hindus und Muslimen, natürlich auch mit Christen. „Und er sagt, wenn wir gemeinsam schweigen, erfahren wir uns als Einheit im Göttlichen“, gibt Sr. Maria Ignatia ihn wieder. „Wenn wir über unsere Religionen sprechen, werden die Differenzen deutlich.“
„Und ich dachte: Warum schweigen wir nicht einfach? Denn im Schweigen treffen sich alle Menschen, unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung.“
Der Antrag
2015 reichte sie bei den beiden Entscheidungsgremien der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel einen Antrag ein: zu prüfen, ob die Gemeinschaft einen konkreten Beitrag zu interreligiösen Beziehungen leisten könne. Beide Gremien stimmten mit großer Mehrheit zu. 2016 fand das erste Treffen statt, im Bürger- und Rathaus Bestwig.
Schwester Aloisia Höing SMMP, ehemalige Generaloberin, war von Anfang an dabei. Sie verweist auf das Zweite Vatikanische Konzil, das von Papst Johannes XXIII. initiiert wurde. Es erkannte Wahres und Heiliges in anderen Religionen an und begründete damit den interreligiösen Dialog. „Das hat mich sehr fasziniert, und da wollte ich gerne dabei sein. Ich freue mich, dass wir als Gemeinschaft interreligiöse Meditation anbieten.“
Wichtig war ihr auch, in einer Gesellschaft, in der Antisemitismus und mangelnde Toleranz gegenüber anderen Religionen zunähmen, ein Zeichen zu setzen: eine kleine Gruppe einladen zum Gebet, zum Schweigen. „Und das hat mich einfach angesprochen, da bin ich losgezogen.“
Wie ein Abend abläuft
Die Struktur steht seit den ersten Gesprächen mit Vertretern der Religionen und Konfessionen fest. Begrüßung, dann eine Hinführung mit einem Text aus der Tradition der gastgebenden Gemeinschaft. Es folgen 20 Minuten gemeinsames Schweigen. Leise Musik geht in das Schweigen über, wenn möglich live gespielt. Schließlich Gebet und Segen. Am Ende stehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Kreis um das Lichtmandala, öffnen die Hände und singen. Oft das „Ubi caritas et amor, ubi caritas deus ibi est“.
Schwester Theresita Maria Müller SMMP, Mitglied der Initiativgruppe und Harfenistin, beschreibt die Haltung dahinter: „Wir können ja nicht gemeinsam beten, weil wir unterschiedliche Gottesvorstellungen haben und weil wir die Religionen nicht vereinheitlichen oder miteinander vermischen wollen. Aber wir können gemeinsam schweigen.“
Für sie ist die Reihe „ein Miteinander von Glaubenden unterschiedlicher Religionen“ und eine Verbeugung vor den anderen Religionen. „Und wir hören achtsam und ehrfurchtsvoll zu, wenn andere ihren Glauben zum Ausdruck bringen, indem zum Beispiel unsere buddhistischen Schwestern und Brüder ein Mantra singen oder unsere muslimischen Geschwister aus dem Koran rezitieren.“
Sechs Orte, sechs Traditionen
Im Zwei-Monats-Rhythmus wechseln die Treffen den Ort: Bergkloster Bestwig, Abtei Königsmünster in Meschede, evangelische Kirchen, Moscheen in Meschede, Ramsbeck und Brilon, das buddhistische Zentrum der Gemeinschaft Triratna in Arnsberg, die Alte Synagoge in Meschede. Gelegentlich tagt die Gruppe im Bürgerzentrum des Bestwiger Rathauses, einem „neutralen“ Ort.
Die jeweils gastgebende Gemeinschaft gestaltet den Abend selbständig aus der eigenen geistlichen Tradition. Diese Bereitschaft war von Anfang an da. Ein Element bleibt überall gleich: das Lichtmandala in der Mitte. Es hat sich als eine Art Erkennungszeichen herausgebildet, auf das die Gruppe bis auf weiteres nicht verzichten möchte.
Vier Traditionen, ein Schweigen
Dr. Ahmet Arslan aus der Fatih-Moschee in Meschede verweist auf den 13. Vers der 49. Sure des Koran: Gott habe die Menschen aus einer Frau und einem Mann erschaffen und sie bewusst in Völker und Stämme aufgeteilt, damit sie sich gegenseitig kennenlernen. „Und vor dem Hintergrund dieser Stelle aus dem Koran denke ich immer daran, wenn wir gemeinsam interreligiös meditieren, dass wir als die Kinder Adams und Evas uns zusammentun, um gemeinsam zu schweigen.“
Auch im Islam habe das Schweigen und das Nachdenken über Gott und seine Schöpfung eine eigene Tradition. „Denn das gemeinsame Schweigen drückt im Grunde genommen mehr aus als viele Worte“, sagt Arslan. Er sieht in den Abenden einen „Resonanzraum des gemeinsamen Denkens und Schweigens“, der zugleich „eine stille Brücke für das Zusammenleben“ darstelle. Seine Einladung: „Bringen Sie einfach Offenheit mit und der Rest ergibt sich von allein.“
Bodhimitra, früherer Vorsitzender der Buddhistischen Gemeinschaft Triratna (Arnsberg-Sundern) e.V., erinnert sich an die erste Begegnung mit Sr. Maria Ignatia im buddhistischen Retreathaus Vimaladhatu in Altenhellefeld: „Sie hat mich mit ihrer Begeisterung und Inspiration beeindruckt und es gab sofort eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen uns.“ Schnell sei klar gewesen, dass sich das Arnsberger Zentrum beteiligen wollte. „Seitdem haben wir kein Jahr verpasst und viele inspirierende Abende erlebt.“
In einer Welt, in der Streit und Krieg sich ausbreiteten, sei es wichtig, dass die Religionen zusammenhielten und ein Gegengewicht gegen Gier, Hass und Verblendung böten. „Meditation ist ein sehr wichtiges Mittel, um die negativen Kräfte in der Welt mit Positivität zu begegnen“, sagt Bodhimitra. „Es ist deshalb völlig angemessen, dass wir mit der interreligiösen Meditation im Sauerland gemeinsam ein Zeichen setzen für Liebe, Toleranz und Respekt.“
Burkhard Krieger, Pfarrer der evangelischen Auferstehungskirchengemeinde Bestwig-Olsberg, schätzt etwas ganz anderes: „Normalerweise erwartet man von mir als Pfarrer, dass ich etwas produziere, zum Beispiel Texte, seien es Predigten oder Gebete.“ Bei der Interreligiösen Meditation sei das anders. „Ich komme einfach dahin, ich kann einfach ankommen, so wie ich bin, ich muss nichts produzieren, ich bin einfach da und verbinde mich mit Menschen, die genau dasselbe Ziel haben, nämlich ein Gespür dafür zu bekommen, dass wir an einer viel größeren Sache dran sind.“ Die 20 Minuten Schweigen seien auch manchmal schwer, „aber es tut gut, einfach nur da zu sein“.
Der Blick von außen
Dr. Ulrich Bock, operativer Leiter der Missionszentrale von SMMP und seit den Anfängen in der Initiativgruppe, ordnet die Reihe gesellschaftlich ein: „Die interreligiösen Meditationen sind gut und wichtig, weil sie der kleinste mögliche Nenner sind, dass sich Menschen verschiedener Konfessionen, verschiedener Religionen einander begegnen, ganz unbefangen, friedlich und gemeinsam eine Zeit miteinander erleben.“ Das sei gerade deshalb wichtig, weil gesellschaftliche und politische Prozesse darauf angelegt seien, eigene Interessen in den Vordergrund zu stellen – und damit eine Spaltung zwischen Kulturen und Religionen erzeugten.
Ralf Péus, damals Bürgermeister und heute Ehrenbürgermeister der Gemeinde Bestwig, war beim allerersten Treffen 2016 als Hausherr dabei. „Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was da auf mich zukommt, was man darunter verstehen soll.“ Anfangs sei ihm die Meditation gewöhnungsbedürftig erschienen. „Wenn man aus einem doch recht stressigen, ereignisreichen Arbeitstag kommt, mit vielen Terminen […], empfand ich es doch als sehr angenehm, da einfach mal im Kreis zu sitzen und zu schweigen.“ Und weiter: „Man kann sehr schnell entschleunigen.“
Ein Beitrag zum Frieden
Die Initiativgruppe versteht ihre Treffen ausdrücklich als Beitrag zum Frieden. „Wenn Menschen Gemeinschaft miteinander pflegen, werden sie sich nicht hassen oder gar töten“, sagt Sr. Maria Ignatia. „Auch ihre Glaubensbrüder und Landsleute nicht.“
Sr. Theresita formuliert es zurückhaltender: „Ich bin überzeugt, dass unsere gemeinsame Meditation ein kleiner Beitrag dazu ist, dass Frieden unter den Religionen wächst.“
Ein neuer Ort ab 2027
Im Mai 2026 hat die Initiativgruppe einen weiteren Ort aufgenommen. Pastor Klaus Danne hatte angefragt, ob die Kirche in Bad Fredeburg dazukommen könne; seine Gemeinde habe vor Ort guten Kontakt zu muslimischen Familien aufgebaut. Im Mai 2025 war Danne mit einem muslimischen Arzt und einem Radiojournalisten eine Etappe des Jakobswegs in Nordspanien gegangen. „So ergab sich ein Wegabschnitt mit sehr fruchtbarem Austausch und sogar einem Ansatz von interreligiösem Beten unterwegs“, schreibt er.
Das 50. Treffen
„Denn 50 Treffen jetzt inzwischen in zehn Jahren, das ist schon etwas“, bilanziert Ehrenbürgermeister Péus. „Und das zeigt auch, dass damit ein Nerv getroffen wurde.“
Das 50. Treffen findet am Donnerstag, 10. September 2026, von 19 bis 20:30 Uhr im Bergkloster Bestwig statt. Willkommen sind alle, unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung, die eine Sehnsucht nach Transzendenz haben oder ein Gespür dafür.














