Die Existenzfrage stellt sich heute nicht mehr

Lehrerkollegium und Mitarbeitervertretung überreichen Fritz Henneböhl unter anderem einen Kirschbaum und eine Küchenschürze für den Ruhestand. Willi Kruse bekam einen Sonnenaufgang für sein Büro geschenkt. Foto: SMMP/Bock

Lehrerkollegium und Mitarbeitervertretung überreichen Fritz Henneböhl unter anderem einen Kirschbaum und eine Küchenschürze für den Ruhestand. Willi Kruse bekam einen Sonnenaufgang für sein Büro geschenkt.

Bestwig: Berufskolleg verabschiedet Fritz Henneböhl – Willi Kruse übernimmt

20 Jahre lang hat Fritz Henneböhl als Leiter des Berufskollegs Bergkloster Bestwig viel Reibung und Dynamik erzeugt – und die Schule somit von 100 auf 800 Schüler wachsen lassen. „Dynamik und Reibung wird es auch zukünftig geben. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass sich diese Schule ständig verändern muss“, weiß sein Nachfolger Willi Kruse.

Pfarrer Günter Eickelmann (l.), der den Gottesdienst zelebrierte, gratuliert Willi Kruse zur Schulleitung und wünscht Fritz Henneböhl (3.v.l.) alles Gute für einen neuen Lebenssabschnitt. Foto: SMMP/Bock

Pfarrer Günter Eickelmann (l.), der den Gottesdienst zelebrierte, gratuliert Willi Kruse zur Schulleitung und wünscht Fritz Henneböhl (3.v.l.) alles Gute für einen neuen Lebenssabschnitt.

Am Mittwochnachmittag wurde der Schulleiterwechsel mit einem Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche und einem anschließenden Festakt in der Aula des Berufskollegs gefeiert. Der Rück- und Ausblick stand unter der Überschrift „Lass Deinen Wünschen Flügel wachsen.“ Und schnell wurde den knapp 200 Gästen deutlich, warum ein Schulleiter wendig sein muss wie ein Vogel.

Reibung und Dynamik

Das positive Verständnis von Reibung und Dynamik mag beim scheidenden und beim neuen Schulleiter auch darin begründet sein, dass beide beruflich zuerst mit Autos zu tun hatten. Fritz Henneböhl hatte KfZ-Technik studiert und eine Diplomarbeit unter dem Titel „Aufbau und Inbetriebnahme einer Motorprüfstation zur Abgasmessung von Dieselmotoren“ geschrieben.

Schüler und Lehrer gestalteten den Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche musikalisch mit. Foto: SMMP/Bock

Schüler und Lehrer gestalteten den Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche musikalisch mit.

Willi Kruse jobbte nach seinem Lehr­amts­studium zunächst in der KFZ-Werkstatt seines Onkels und führte dort statt Unterricht Ölwechsel durch. „Manchmal lohnt es sich in die Akten zu schauen, um sich einen Werdegang auf diese Weise noch einmal vor Augen zu führen“, erklärte Geschäftsführer Ludger Dabrock bei der Feier in der Aula.

Unkonventionelle Biografien

Die unkonventionellen Biografien sind symptomatisch für die Schule: „Ohne ihren Baumeister Fritz Henneböhl hätten viele Quereinsteiger hier keine Stelle gefunden“, blickt Willi Kruse zurück, der bereits seit 1994 stellvertretender Schulleiter ist.

Generaloberin Schwester Aloisia Höing erinnerte an die bewegte Geschichte des Berufskollegs, die seit über 40 Jahren mit dem Namen Fritz Henneböhl verbunden ist. Foto: SMMP/Bock

Generaloberin Schwester Aloisia Höing erinnerte an die bewegte Geschichte des Berufskollegs, die seit über 40 Jahren mit dem Namen Fritz Henneböhl verbunden ist.

„Und auch für die Schule selbst hatte sich mehrmals die Existenzfrage gestellt“, erinnerte Fritz Henneböhl in seinen Dankesworten an vier bewegte Jahr­zehnte, bevor er jetzt in den Ruhestand geht. Zum Beispiel, als 1984 das zehnte Pflichtschuljahr eingeführt wurde, um die Jugendarbeitslosigkeit zu drücken – „was unserem Berufskolleg 40 Prozent der Schüler wegnahm.“ Aber immer wieder sei es gelungen, Lösungen zu finden.

In den 90er Jahren habe sich das Bildungsangebot dann „horizintal und vertikal“ erweitert: durch neue Bildungsgänge wie die Berufsfachschule oder die Gestaltungstechnischen Assistenten und durch neue Einstiegsmöglichkeiten wie das Berufsgrundschul- oder das Berufsorientierungsjahr. „Mein Anliegen war es immer, jedem Menschen die für ihn besten Bildungschancen zu eröffnen“, so der Pädagoge, der acht Lehramtsbefähigungen besitzt.

Bilder aus der Vogelperspektive überreichte Geschäftsführer Ludger Dabrock Fritz Henneböhl zum Abschied: Damit er seinen Träumen auch in Zukunft Flügel verleiht. Foto: SMMP/Bock

Bilder aus der Vogelperspektive überreichte Geschäftsführer Ludger Dabrock Fritz Henneböhl zum Abschied: Damit er seinen Träumen auch in Zukunft Flügel verleiht.

Schon ein Anliegen der Gründerin

Generaloberin Schwester Aloisia Höing dankte ihm für dieses Bestreben: „Ihnen lagen besonders die Jugendlichen am Herzen, die sich auf ihrem Bildungsweg schon gescheitert sahen. Sie eröffneten Ihnen neue Lebensperspektiven.“ Das sei auch ein Anliegen der Ordensgründerin gewesen: „Sie wollte junge Menschen für das Leben befähigen.“

Anfangs wurde die gleichzeitig mit dem Bergkloster eröffnete Pflegevorschule von Schwester Maria Fortunata Ruhnke geführt. „Sie waren dann der erste Nicht-Ordens-Angehörige in der Leitung“, blickte Schwester Aloisia zurück. Und das, wo doch schon seine Einstellung für Diskussionen gesorgt hatte.

Stellvertretend für die anderen SMMP-Schulen erinnerte Schwester Maria Thoma Dikow, Schulleiterin des Walburgisgymnasiums in Menden, an die fünf Akte, die ein Schulleiter im Rahmen eines groߟen Dramas bewältigen muss: Von dem euphorischen Beginn über die dramatische Zuspitzung bis zum offenen Ende. Foto: SMMP/Bock

Stellvertretend für die anderen SMMP-Schulen erinnerte Schwester Maria Thoma Dikow, Schulleiterin des Walburgisgymnasiums in Menden, an die fünf Akte, die ein Schulleiter im Rahmen eines groÃßen Dramas bewältigen muss: Von dem euphorischen Beginn über die dramatische Zuspitzung bis zum offenen Ende.

Als Mann unter Frauen

Fritz Henneböhl erinnert sich noch an ein langes Gespräch mit der damaligen Hausoberin Schwester Hildelith Mühlenhoff und Schwester Maria Fortunata in der Küche des Bergklosters: „Da ging es nur um die Kernfrage: Wie fühlt sich ein hauptamtlicher, weltlicher, männlicher Lehrer in der Pflegevorschule mit nur weiblichen Schülerinnen?“

Er muss sie souverän beantwortet haben. Denn später führte er die Schule weiter. „Sie übernahmen Sie mit 100 Schülern und übergeben Sie heute mit 800″, so Ludger Dabrock. „Ihnen verdanken wir diese Entwicklung. Auch wenn uns Ihr innovatives Denken manchmal bis an unsere Grenzen gebracht hat. Letztlich aber erzeugt Reibung Energie. Wo Energie ist, entsteht Leben. Und Leben erzeugt Bewegung.“

Die Schülervertretung überreicht Willi Kruse ein Schulleitungs-Einstiegspaket. Für Fritz Henneböhl gab es ein Ruhestands-Einstiegspaket. Foto: SMMP/Bock

Die Schülervertretung überreicht Willi Kruse ein Schulleitungs-Einstiegspaket. Für Fritz Henneböhl gab es ein Ruhestands-Einstiegspaket.

Inspiration durchs Kollegium

Willi Kruse weiß, dass es auch künftig Diskussionen und Auseinandersetzungen über Bildungsgänge geben wird: „Wenn wir sie weiter in konstruktiver Art führen, wird die Schule davon profitieren.“ Sein Dank wie der von Fritz Henneböhl ging an das engagierte Lehrerkollegium und alle Mitarbeiter, die die Schulleitung gestützt und immer wieder inspiriert hätten: „Das tolle Miteinander in den letzten Jahren bestärkte mich in meiner Bewerbung auf diese Stelle. Die Schule ist zu meinem zweiten Zuhause geworden. Und das möchte ich mit gestalten.“

Da Fritz Henneböhl gerne Country-Musik hört, bekam er von seinem Kollegium ein entsprechendes Lied zum Abschied. Foto: SMMP/Bock

Da Fritz Henneböhl gerne Country-Musik hört, bekam er von seinem Kollegium ein entsprechendes Lied zum Abschied.

Auch wolle er eine von Fritz Henneböhl übernommene Tradition weiterführen: Dass die Tür der Schulleitung immer offen steht: „Das war Dein Markenzeichen. Ein Symbol dafür, dass der Schulleiter immer ansprechbar ist, immer ein offenes Ohr für Lehrer und Schüler hat.“

Offenes Bewerbungsverfahren

Ludger Dabrock stellte heraus, dass Willi Kruse in einem offenen Bewer­bungs­ver­fahren mit seinen Ideen von der Zukunft der Schule überzeugt habe: „Und Sie sind schon seit 1994 hier. Außerdem sind Sie Religionslehrer. Auch das spricht dafür, dass Ihnen das Leitbild des Trägers am Herzen liegt.“

Freuen sich über eine gelungene Leitungsübergabe (v.l.): Provinzoberin Sr. Pia Elisabeth Hellrung, Generaloberin Sr. Aloisia Höing, Willi Kruse, Fritz Henneböhl, Geschäftsfeldleiter Michael Bünger und Geschäftsführer Ludger Dabrock. Foto: SMMP/Bock

Freuen sich über eine gelungene Leitungsübergabe (v.l.): Provinzoberin Sr. Pia Elisabeth Hellrung, Generaloberin Sr. Aloisia Höing, Willi Kruse, Fritz Henneböhl, Geschäftsfeldleiter Michael Bünger und Geschäftsführer Ludger Dabrock.

Die Zukunft werde neue Heraus­for­de­run­gen mit sich bringen: „Schon aufgrund der demografischen Entwicklung geht das Potenzial der Schüler bis 2020 um ein Drittel zurück. Da treten wir in einen edlen Wettstreit mit anderen Schulen. Über­zeugen können wir letztlich nur durch Qualität und Atmosphäre“, so der Geschäftsführer.

Ein großer Schatz

Doch liege die Stärke des Berufskollegs nicht nur in seiner Dynamik, sondern auch in der Eingebundenheit unter einem gemeinsamen Dach mit den anderen sechs Schulen der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel: „Was an der einen fehlt, ist an der anderen vielleicht längst schon entwickelt und erprobt. Das ist ein großer Schatz.“ Und der erlaube es selbst in schwierigen Zeiten, dass manchen Wünschen Flügel wachsen.

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