„Navigationsgerät hätte Don Bosco hierher geführt“

Offizieller Start der Manege gGmbH in Trägerschaft der Salesianer, der Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel und des Jugendzirkusses „Cabuwazi“ in Berlin

Berlin. Wäre Don Bosco selbst nach Berlin gekommen und hätte mit einem speziellen Navigationsgerät nach dem Ort gesucht, wo er am meisten gebraucht wird, so wäre er zielsicher hierher geleitet worden“, erklärte der Provinzial der deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos, Pater Josef Grünner, anlässlich des neuen Don Bosco-Zentrums im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Teil dieses neuen Zentrums ist die Manege gGmbH in Trägerschaft der Salesianer, der Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel und des Kinder- und Jugendzirkusses „Cabuwazi“. Dieses Projekt kümmert sich um 35 Jugendliche zwischen 17 und 24 Jahren. Zugewiesen werden die jungen Erwachsenen von dem Jobcenter des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Hier steht die größte Plattenbausiedlung des ehemaligen Ost-Berlins mit 100.000 Wohnungen. Der Bezirk zählt heute 250.000 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 16 Prozent. Fast 2.300 Jugendliche haben keinen Ausbildungsplatz, 600 sind ohne Schulabschluss.

„Seit 2005 sind wir – die Salesianer, der Jugendzirkus und unsere Ordensgemeinschaft warm gelaufen. Und nun sind wir startklar“, betonte Schwester Margareta Kühn, die in dem Jugendzentrum gemeinsam mit Schwester Maria Raphaela Benkhoff und drei weiteren Salesianern lebt. „Startklar“ hieß auch das Motto der großen Eröffnungsfeier, zu der über 200 Gäste kamen. Sie begann mit einem Gottesdienst in einem Zelt, das die Ordensleute mit den Jugendlichen vor dem Haus aufgebaut hatten. Die Messe las der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky.

Zusammenarbeit mit Tradition

Schon in Heiligenstadt arbeiteten beide Ordensgemeinschaften eng zusammen. Vor allem in der von den Salesianern getragenen Villa Lampe, deren Combo bei der Eröffnung in Berlin-Marzahn für den musikalischen Rahmen sorgte. Generaloberin Schwester Aloisia Höing betonte: „Unsere Gründer hatten schon vieles gemeinsam. Sie haben uns auch klar gemacht, dass Erziehung immer ein ganzheitliches Anliegen ist – genau so, wie es hier umgesetzt wird.“

Schwester Margareta arbeitet in der Manege als pädagogische Leiterin, während Bruder Rolf Amrouche mit den Jugendlichen als Malermeister ganz praktisch zu Werke geht. Und in dem Jugendzirkus tanken die 17- bis 24-Jährigen vor allem wieder Selbstvertrauen.

Ehemaliges Aussiedlerheim

Zustande gekommen war die Entstehung des Zentrums mit der Manege gGmbH, nachdem die Salesianer ein Heim für Jugendliche und junge Erwachsene im Berliner Stadtteil Wannsee aufgeben mussten. „Wir wollten der Erzdiözese Berlin aber treu bleiben und fanden dann in Marzahn eine neue Wirkungsstätte“, blickt Pater Josef Grünner zurück. Denn hier wurde das ehemalige Aussiedlerheim, direkt an der S-Bahn-Station Raoul-Wallenbergstraße, zum Kauf angeboten. „Für das Wagnis, hier eine neue Anlaufstelle für Jugendliche zu schaffen, wollten wir starke Partner an unserer Seite wissen“, so der Provinzial. Die fanden die Salesianer Don Boscos dann in den Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel und Cabuwazi. Er hofft, dass an dieser Stelle vor allem Fröhlichkeit und Zuversicht, aber auch Ernsthaftigkeit und Solidarität Einzug halten. Neben der Manege gibt es in dem Don Bosco-Zentrum auch einen Trakt mit Gästezimmern. Außerdem hat hier die Personalverwaltung der deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos Einzug gehalten.

Viele Jugendliche ohne Schulabschluss

Die Jugendlichen, die der Manege gGmbH zugewiesen werden, sind vor allem Arbeitslosengeld II-Bezieher und haben in der Regel keinen Schulabschluss. Die meisten kommen aus benachteiligten Familien, oft nur mit einem Elternteil. Sie blicken auf kriminelle Karrieren zurück, leiden unter Essstörungen, haben Erfahrungen mit Drogen, Lerndefizite oder einfach wenig Erfahrung mit sozialen Umgangsformen.

In dem Don Bosco-Zentrum finden sie mit der Manege eine Anlaufstelle. Schwester Margareta und Bruder Rolf Amrouche sind dort so etwas wie die Eltern einer Ersatzfamilie, deren Zusammenleben morgens mit einem gemeinsamen Frühstück beginnt. Danach begeben sich die Jugendlichen in die einzelnen Maßnahmen. „Zunächst kommt es darauf an, wieder einen geregelten Alltag zu erfahren“, sagt Schwester Margareta. Dabei spielt auch der Zirkus eine große Rolle. „Die Manege ist ein großer Kreis. Hier sind alle gleichberechtigt. Jeder kann etwas zu der Vorstellung beitragen: ob jung oder alt, arm oder reich, dick oder dünn“, erklärt Fabian Gröger, der Vorsitzende des „Chaotisch-bunten Wanderzirkusses“, der sich Cabuwazi abkürzt. Er hofft, dass die Manege auch zu einem Punkt wird, der Orientierung gibt, das Miteinander fördert und als Leuchtturm dasteht.

„Die Schwester packt uns gut an“

Das scheint zu gelingen, wie die Erfahrung der Jugendlichen nach den ersten Maßnahmen zeigt. „Es ist super, dass ich hier gelandet bin“, sagt Matthias. Der 25-Jährige ist gesundheitlich gehandicapt und war fast fünf Jahre arbeitslos, bevor er im September 2007 zur Manege kam. „Die Schwester packt uns richtig gut an“, lobt er das Engagement der Ordensleute. Jetzt wird er in dem Don Bosco-Zentrum eine Ausbildung in der Hauswirtschaft beginnen. Patrick erklärt: „Hier habe ich erstmals Zusammenhalt erfahren. Und den Umgang mit Menschen.“ Der 20-Jährige hatte in der Manege zunächst Sozialstunden ableisten müssen. Jetzt hat er sogar eine Ausbildungsstelle in Aussicht. Entschlossen fügt er an: „Diese Chance will ich nutzen.“

Allen Beteiligten ist klar, dass solche Erfolgsgeschichten nicht die Regel sind und vor allem viel Geduld erfordern. Diese Gabe wünschte Georg Kardinal Sterzinsky deshalb allen Verantwortlichen. Er beglückwünschte die Träger in seiner Predigt zu einem Werk, „das gerade hier an diesem Ort etwas tun will, das seinesgleichen sucht.“ Vieles sei noch mit Experimentellem behaftet. Aber genau darin werde sich seine Zukunft erweisen. „Sie benötigen vor allem Geduld. Aber das wird eine Gabe sein, die Gott fördert und will.“

Zeltlager und Beratungsbus

Auch für die nahe Zukunft gibt es schon wieder viele neue Ideen, wie der Provinzialvikar der Selesianer, Pater Franz-Ulrich Otto, abschließend ausführte: Seit einigen Monaten sei das Projekt „Schule auf Rädern“ erfolgreich angelaufen. Dabei fahren die Jugendlichen wochenweise mit dem Bus nach Heiligenstadt, wo sie an der Katholischen Berufsbildenden Bergschule St. Elisabeth den Hauptschulabschluss nachholen. „Und sie sind mit Herz und Seele dabei“, freut sich Pater Franz-Ulrich Otto. Geplant seien auch ein Zeltlager in Dänemark und der Start eines Beratungsbusses, der auch an anderen Stellen Marzahns eine Anlaufstelle für Jugendliche mit ihren Fragen und Problemen sein soll. Zudem beginnen im September sechs Maler ihre Ausbildung bei Pater Rolf Amrouche. Für weitere sechs Jugendliche bzw. junge Erwachsene wird Sr. Maria Raphaela Benkhoff eine Ausbidlung im Bereich Hauswirtschaft starten. All das beweist eigentlich nur: Die Manege ist nicht nur startklar, sondern längst schon im Rennen.

Zu den Fotos:
Oben die Vorderansicht des neuen Don Bosco-Zentrums, für das sich Architekt Roger Bach ein ausgefeiltes Farbkonzept ausgedacht hat. Darunter der Einzug von Georg Kardinal Sterzinsky zu der Messe im Festzelt. Eine Praktikantin und ein Salesianer spielen eine Szene vor, wie sich Maria Magdalena Postel und Johannes Bosco in heutiger Zeit in Berlin treffen und überlegen, wo sie helfen können. Sie entschiden sich für den Stadtteil Marzahn. Postulantin Annette Görner hält die Lesung. Der Kardinal ermutigt in seiner Predigt zu der notwendigen Geduld. Und zu den Fürbitten nimmt er symbolische Gaben entgegen: zum Beispiel Jonglierbälle aus dem Zirkus, Werkzeug aus der Malerwerkstatt oder einen Obstkorb, der für das gemeinsame Frühstück steht. Für den musikalischen Rahmen sorgt die „Villa-Combo“ der Villa Lampe aus Heiligenstadt.

Nach dem Gottesdienst gibt es kühle Getränke. Auch Schwester Maria Elisabeth Goldmann und die beiden Postulantinnen Annette Görner und Sybille Merget waren aus Heiligenstadt angereist, um die Manege kennen zu lernen und zu helfen. Während einige Jugendliche Kunststücke aus dem Zirkus vorführen, spricht Sr. Aloisia mit dem Kardinal. Dann eröffnet der Provinzial der Salesianer Don Boscos, Pater Josef Grünner, vor dem „Startklar“-Transparent den Festakt mit der Segnung des Hauses. Im Rahmen dieser Feierstunde stellen Pater Rolf Amrouche und Sr. Magaretha Kühn die Manege vor. Anton, einer der Jugendlichen aus der Manege, hat über die Einrichtung einen Rap komponiert, den er mit seinem Freund Marcel vorträgt. Dafür gibt es tosenden Applaus. Nach dem Festakt waren die rund 200 Gäste zum Buffet und zur Begegnung eingeladen. Auch dabei führten die Jugendlichen aus der Manege noch Kunststücke vor. Alle Fotos: SMMP

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